Der globale Wettbewerb zwingt Unternehmen, sich konsequent auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Dadurch entstehen weltweit vernetzte Wertschöpfungsketten, in denen zwar Aufgaben in Niedriglohnländer ausgelagert werden, gleichzeitig bei diesen Unternehmen aber durch die so verbesserte Wettbewerbsfähigkeit im heimischen Markt per saldo neue Arbeitsplätze entstehen.



Gerade deutsche Unternehmen stellt die Globalisierung vor ernstzunehmende Herausforderungen, erklärt Dr. Günter Jordan, als Mitglied der Geschäftsleitung von A.T. Kearney für die Studie zuständig: „Die Stundenlöhne in Indien und China liegen um über 90 Prozent unter denen, die in Westeuropa, den USA und Japan gezahlt werden. Gleichzeitig steigt die Produktivität in diesen Ländern stark an und hat inzwischen etwa 30 Prozent des westeuropäischen Standards erreicht.“



Globale Herausforderungen



Damit stehen die produzierenden Unternehmen in Deutschland vor einer schwierigen Entscheidung, so Jordan: „Sollen sie ihre Produktion im Rahmen von Offshoring-Projekten in Niedriglohnländer auslagern, um so Faktorkosten-Vorteile, flexible Rahmenbedingungen und Skaleneffekte zu realisieren? Oder sollen sie ihre Produktion in Deutschland belassen und versuchen, die hiesigen Standort-Vorteile, wie mehr Kundennähe, stärkere Innovations- und Adaptionsfähigkeit sowie höhere Geschwindigkeit und Flexibilität zu ihrem Vorteil nutzen?“



Die Lösung dieses scheinbaren Dilemmas liegt – so Jordan – in einem „Sowohl-als-auch“: „Die erfolgreichsten deutschen Unternehmen begreifen den globalen Wettbewerb als Chance und nicht als Bedrohung.“ Um in einem weltumspannenden Wettbewerb erfolgreich bestehen zu können, müssen sich die Unternehmen in Deutschland auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren; also auf das, was sie am besten können. Alle Unternehmensleistungen, die anderswo beziehungsweise durch andere besser oder billiger erbracht werden können, müssen konsequent ausgelagert werden, erklärt Jordan: „Dabei ist die Globalisierung durchaus hilfreich. Es fällt leichter, sich auf die eigenen Stärken zu fokussieren, wenn man die Möglichkeit hat, die Wertschöpfungsstufen, die nicht zur unmittelbaren Kernkompetenz gehören, – auch international – auszulagern.“



Globale Chancen



Grundlage der Untersuchung von A.T. Kearney ist eine gründliche Analyse der Unternehmen, die sich am jährlich stattfindenden GEO-AWARDSM beteiligt haben. Dieser Wettbewerb wird von A.T. Kearney seit 1992 ausgeschrieben und gilt als einer der härtesten Benchmark-Tests für produzierende Unternehmen. Im Wettbewerb „Global Excellence in Operations“ (GEO) sucht A.T. Kearney regelmäßig die „Fabrik des Jahres“. Alle Unternehmen, die an diesem Wettbewerb teilnehmen, werden von den A.T. Kearney-Experten gründlich analysiert. Die aktuelle Studie betrachtet nicht weniger als 60 deutsche Unternehmen.



Ziel ist es, die Erfolgsrezepte der besten Unternehmen zu entschlüsseln. Wesentliche Erkenntnis: Die erfolgreichsten Unternehmen sind insbesondere deshalb so erfolgreich, weil sie sich konsequent auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und sich dabei durch einige weitere Gemeinsamkeiten auszeichnen: „Das beginnt schon mit der Motivation der Mitarbeiter“, erläutert Jordan: „In den erfolgreichsten Unternehmen fanden wir stets hoch motivierte Teams vor, die die Erfordernisse des Wettbewerbs auf allen Hierarchieebenen glasklar verstehen. So zeigten sich die Mitarbeiter durchaus bereit, bei hohem Auftragsvolumen auf Freizeit zu verzichten beziehungsweise die Arbeitszeiten in Zeiten niedriger Nachfrage entsprechend herunterzufahren. Selbst unbequeme Lösungen wie die Sieben-Tage-Woche sind dabei kein Tabu.“ Erfolgreichen Unternehmen gelingt es, traditionelle interne Barrieren wie etwa zwischen Vertrieb und Entwicklung oder zwischen Management und Arbeitern zu überwinden und als Team zu handeln. Schnittstellenverluste kann man sich – wenn es um Sein oder Nicht-Sein geht – einfach nicht mehr leisten.



Konsequente Optimierung



Dabei hilft den erfolgreichen Unternehmen ein durchgängiges schlüssiges Verbesserungsprogramm, ungeahnte Leistungsreserven zu mobilisieren. Ehrgeizige Ziele werden mit detaillierten Verbesserungsmaßnahmen hinterlegt und mit äußerster Disziplin und Präzision implementiert. Statt wohlklingender Modetools setzt man lieber pragmatische Problemlösungsprozesse ein. Auch in den Gemeinkostenbereichen setzen die führenden deutschen Unternehmen konsequent auf Verschlankung. „In den Fabriken sind jährliche Produktivitätssteigerungsziele mittlerweile Standard“, erklärt Jordan. „Die Besten fordern das Gleiche auch von den indirekten Bereichen, denn oft wird die Wettbewerbsfähigkeit einer Produktion in Deutschland von den Gemeinkosten geradezu erdrückt.“



Ein weiterer zunehmender Trend ist die Öffnung von Fabriken für Partnerunternehmen. „Die eigene Fabrik wird zunehmend zum Lieferantenpark“, so Jordan, „dabei operieren mehrere Fremdunternehmen unter dem eigenen Dach“. Viele Aufgaben wie innerbetrieblicher Transport, Werkzeugbereitstellung und -optimierung oder das bedarfsgerechte Kommissionieren der Produktdokumentation sind in der Regel keine Kernkompetenz und können deshalb von externen Dienstleistern oft wesentlich günstiger oder besser erbracht werden.



Wachstum durch global vernetzte Wertschöpfungsketten



Überraschendes Ergebnis der Studie ist, dass, obwohl die besten Unternehmen etwa 28 Prozent der Wertschöpfung in Niedriglohnländer verlagert haben (im Durchschnitt sind es gerade fünf Prozent), entstanden hier netto dennoch in den letzten drei Jahren acht Prozent zusätzliche Arbeitsplätze. Global vernetzte Wertschöpfungsketten verbessern die Wettbewerbsfähigkeit und ermöglichen damit Wachstum – auch in Deutschland. Das Managen von vernetzten Wertschöpfungsketten erfordert allerdings neue Fähigkeiten, sonst schlägt die Optimierung auf der Kundenseite negativ zu Buche: Während durchschnittlich 3,3 Prozent aller Lieferungen beim Endkunden fehlerhaft ankommen, waren es bei der Elite der produzierenden Unternehmen gerade mal 0,3 Prozent und während die durchschnittliche Liefertreue gegenüber dem Endkunden bei 89 Prozent liegt, erreichen die Besten eine Rate von 99 Prozent.